Meyer Sig

Rückblick und Vorausschau habe ich, als heute über 70-jähriger, mehr oder weniger bewusst nie getrennt behandelt. Das wurde mir nach der Jahrtausendwende, die mir ein zweites Leben bescherte, allgegenwärtig.

Gasthof Oberhohndorf 2Im Kindesalter traf mich (uns) die Härte des Alltags. Bedenkliche Defizite bezüglich behüteter Kindheit, kaum Freizeit und eine allzu straffe Zeiteinteilung hatten wir klaglos hinzunehmen. Dennoch war Platz für Schönes. Spätestens hier werden bestimmte Erbanlagen zum Vorteil. „Kinderarbeit” vor und nach dem Unterricht, empfinde ich im Rückblick nicht mehr als vermeidbare Schikane der Mutter, die im elterlichen Gewerbe einer Bäckerei mit Kolonialwaren-Verkauf selbst keine Ruhe, geschweige denn Erholung kannte. Ganze 4 Tage Urlaub mit unseren Eltern kratze ich aus meinen Erinnerungen zusammen. Reiseziel was das vogtländische Schnarrtanne … es waren wohl 8 Tage geplant.

Ich nutzte gewisse Umstände und List, auch die unüberhörbaren Meinungsdifferenzen unserer Eltern, um die Gene meines Großvaters (väterlicherseits) auszubeuten. Der war Besitzer in 2. Generation des „Gasthof Oberhohndorf”, begnadet musikalisch und stand einem Salonorchester vor. Auch bei Geigen- und Klavierunterricht sowie Kinomusik entfloh er den Pflichten eines Wirtes. Sein Sohn, unser Vater, erblickte im Mai 1914 in diesem beliebten Etablissement das Licht der Welt.

Die umstrittene Lebensweise meines Großvaters prägte das Verhalten unseres Erzeugers bezüglich meiner musikalischen Früherziehung. Er war strikt gegen das Erlernen und Beherrschen eines Musikinstruments. War gerade deshalb meine nimmermüde Mutti für eine wöchentliche Unterrichtsstunde bei Lehrer Bräunlich in Kirchberg (… km stets zu Fuß)?

Ich war 9 Jahre alt, der Kleinste in der Klasse, zwar unsportlich – dennoch nicht ohne Kraft. Training gabs nicht etwa bei Fußball, Radsport oder Schwimmen (Letzteres erlernte ich erst in der REHA nach 2000!). Für bestimmte Muskeln sorgte offenbar das Schleppen von Mehl- und Zuckersäcken (je 1 Zentner) zusammen mit meinem 2 Jahre älteren Bruder, oder auch die randvollen Zinkeimer Kohle zum Befeuern unseres Backofens.

dr kleene SigSo weit – so gut. Mutti fühlte sich in ihrer Meinung, den Unterricht regelmäßig zu ermöglichen, bestätigt – wohl auch, weil ich bald mit Resultaten aufwartete. Sei es bei meinen musikalischen Ständchen zur Überraschung der „Kränzel-Damen” in der Bäckerei Meyer oder schon bald anlässlich meines 1. Konzerts für eine befreundete Kundschaft.

Wenn es um die wenigen Übungen meiner Akkordeon-Hausaufgaben ging, zeigte die Bäckersfrau erstaunlich viel Toleranz. Freistellung musste ich dazu nie erzwingen. Eine Erfahrung, die ich zeitlebens in anderen Lebensabschnitten, etwa in Uniform oder Studium, genoss.

Es waren genau 2 Jahre und 8 Monate nötig, um das notwendige Rüstzeug eines Akkordeonspielers zu erlangen. Zunächst setzte uns das kleine 24-bässige Instrument eine erste natürliche Grenze. Eine erneute Unterrichtung ermöglichte der Kauf eines weiteren, diesmal 80-bässigen Akkordeons. Damit erschlossen sich ab 1957 weitere 36 Unterrichtsstunden in Kirchberg. Mein Lehrer testete mit der Ouvertüre zu „Dichter und Bauer” nicht nur mein Durchstehvermögen. „Wenn du das beherrschst, komme wieder.” Ich trat am 25.01.1958 meine letzte  der insgesamt 132 Unterrichtsstunden zwecks o.g. Lektüre an. Das wars! Seitdem musiziere ich seeeeeehr oft, stundenlang Titel, die ich mal hörte, ohne diese je in Noten gelesen zu haben. Eine Gabe! Eine Gnade!

Es folgte wegen meiner beruflichen und frühzeitigen, familiären Entwicklung eine sehr große musikalische Abstinenz. Nur während der 3 Jahre erstes (Direkt-)Studium und der Armeezeit blieben immer Gelegenheiten zum individuellen und gemeinsamen Musizieren.

Bald reifte in mir die Überzeugung, dass erworbenes Wissen relativ schnell in der Praxis verschleißt. „Wissen ist Macht. Nichts wissen macht nichts.” ist ein dummes Sprichwort, hält sich aber hartnäckig. Man studiert doch, um das Lernen zu lernen, oder? Das begleitete folgerichtig mein gesamtes Berufsleben.

Daraus wurde bald eine glückliche, berufliche Konstellation: Kaufmann und Techniker. Nach der politischen Wende fragte zwar keiner mehr nach meinem Ing.-Diplom, jedoch erwies sich ein technisch erfahrener Kaufmann als durchaus streitbarer Handelspartner, der auch mit den Architekten und Investoren unzähliger Autowerkstätten auf Augenhöhe arbeitete. Autohäuser schossen – ab 1990 bekanntlich auch in Sachsen und Thüringen – wie Pilze aus der Landschaft. So kam die Zeit gnadenlosen Wettbewerbs in der Werkstatt-Einrichtungsbranche aller Automarken. 12 bis 14 Stunden täglich von Montag bis Samstag im Außendienst. Der Sonntag war technischen Zeichnungen, Projekten oder Angeboten vorbehalten. Jahrelang – mit einer neuen Niederlassungs-Immobilie in Zwickau – bis hin zum gesundheitlichen Totalausfall. Während meiner REHA erhielt ich meine Kündigung, welche selbst der Arbeitsrichter in Zwickau befürwortete!

Landfrauen 2008Nun hat ja bekanntlich alles 2 Seiten: So begann ich nach dem gewaltsamen Ausscheiden aus meinem erfolgreichen Berufsleben über sinnvolles Weiterleben zu philosophieren. Ich erkannte vordergründig die Rolle und Tragweite einer intakten Familie – bereits ab unserer Eheschließung 1964. „Hinter jedem erfolgreichen Mann steht immer eine starke Frau” hatte ich bis dato zwar oft gelesen, dessen Wahrheitsgehalt aber jetzt erst verinnerlicht. Da ist ein „Danke!” fast lächerlich. Dass ich wieder dr alte MeyerSig bin, verdanke ich ausschließlich meiner Frau (und unseren Kindern)! Freunde, wahre Freundschaften stehen in schweren (hier krankheitsbedingten) Zeiten immer gnadenlos auf dem Prüfstand. Bei uns kamen eher neue Verbindungen zustande. Jene, die aus meiner/unserer Vereinsmitgliedschaft resultieren, hielten bzw. folgten der natürlichen Demografie. Auch hier mein Schmerz, da ich  mit meiner 43-jährigen Mitgliedschaft im Männerchor „Liederkranz Zwickau” im Jahr 2017 an die dritte Stelle nach der Eintrittsreihenfolge rückte. Das wirkt auf mich wie ein Anklopfen, ein Achtungssignal. Dennoch will ich diese Jahre als Mitglied – seit 2008 Ehrenmitglied, Vorstand, Archivar, Autor – keinesfalls missen. Verantwortung prägt, ist Lebenserfahrung, muss tolerant machen und Achtung gegenüber denen lernen, die meinen Staffelstab übernehmen. Ich sage: Vereinsarbeit wird immer komplizierter, Vereinslokale mit Gastronomie sterben aus. Dies behaupte ich auch dank meiner Zeit als Gründungsmitglied des hiesigen Erzgebirgs-Zweigvereins, sowie meiner 11-jährigen musikalischen Leitung der Sängerinnen der Lichtentanner Landfrauen.

Das alles klingt hoffentlich nicht nach Jammern. Ich fühlte mich lange nicht so gut, aktiv, schöpferisch. Ich lernte darüber hinaus durch meine Recherchen zu meinen Büchern, bei Auftritten und Vorträgen, unzählige interessante, kompetente Menschen kennen, die aufrichtig mittun, unsere Kulturgeschichte zu bewahren. Es ist, dank unserer Begabungen, eine große Genugtuung, insbesondere den Volksliederschatz samt der erzgebirgischen Mundart zu erhalten, originalgetreu zu interpretieren und viele Menschen zu erfreuen.

Eine Auswahl meiner Aktivitäten finden Sie auf den folgenden Seiten.

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